Es gibt in Österreich ein kostenloses Werkzeug, das jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro an Menschen zurückzahlt, und einen beträchtlichen Teil davon zahlt es nicht aus, weil niemand danach fragt. Es heißt FinanzOnline, und der Grund, warum so viele es meiden, ist nicht Faulheit. Es ist die Angst vor dem Formular.
Ich verstehe das. Ich habe meine erste Arbeitnehmerveranlagung drei Jahre lang aufgeschoben. Als ich sie dann gemacht habe, hat sie vierzig Minuten gedauert und mir 612 Euro gebracht. Ich war ziemlich zornig auf mein früheres Ich.
Wer überhaupt etwas zurückbekommt
Grundsätzlich fast jeder, der lohnsteuerpflichtig gearbeitet hat und dessen Einkommen im Jahresverlauf geschwankt hat. Das trifft auf mehr Menschen zu, als man denkt: wer den Job gewechselt hat, wer in Karenz war, wer Teilzeit gearbeitet oder mehrere Monate nicht gearbeitet hat, wer Überstunden hatte, die ungleich verteilt waren.
Denn die Lohnsteuer wird monatlich berechnet, als wäre jeder Monat gleich. Am Jahresende stimmt das bei kaum jemandem.
Die automatische Veranlagung ist bequem und meist zu wenig
Das Finanzamt macht seit einigen Jahren eine antragslose Veranlagung, wenn es davon ausgeht, dass Ihnen Geld zusteht. Klingt praktisch. Der Haken: Dabei werden nur die Daten verwendet, die dem Finanzamt ohnehin vorliegen. Ihre Werbungskosten, außergewöhnlichen Belastungen und Sonderausgaben kennt es nicht.
Sie dürfen aber innerhalb von fünf Jahren eine eigene Erklärung abgeben, auch nachträglich. Wenn dabei mehr herauskommt, wird der frühere Bescheid ersetzt. Es kann also nicht schiefgehen.
Was die meisten vergessen einzutragen
- Das Pendlerpauschale und der Pendlereuro. Wer nicht zumutbar mit Öffis zur Arbeit kommt, hat oft Anspruch, ohne es zu wissen.
- Arbeitsmittel: Laptop, Fachliteratur, Werkzeug, ein Teil der Handykosten bei beruflicher Nutzung.
- Fortbildungen, Umschulungen, Sprachkurse mit Berufsbezug. Auch der Sprit zur Abendschule.
- Kirchenbeitrag, Spenden an begünstigte Organisationen, freiwillige Weiterversicherungen.
- Krankheitskosten: Zahnspange, Brille, Selbstbehalte, Kurkosten, Fahrten zur Therapie. Der Weg zum Arzt zählt mit dem Kilometergeld.
- Der Familienbonus Plus und der Unterhaltsabsetzbetrag.
Der Punkt, an dem viele aufgeben
Der Zugang. Man braucht ID Austria oder Zugangsdaten vom Finanzamt, und genau da bricht die Sache oft ab, weil man das Passwort nicht mehr findet.
Es ist mühsamer, als es sein müsste, das gebe ich zu. Aber Sie können die Zugangsdaten online neu anfordern, sie kommen per Post, und danach haben Sie es für die nächsten Jahre erledigt. Einmal Zähne zusammenbeißen.
Wenn Sie sich nicht drübertrauen
Die Arbeiterkammer bietet in allen Bundesländern kostenlose Steuerberatung für Mitglieder an. Man kommt mit den Unterlagen hin, jemand schaut mit, und man geht mit einer fertigen Erklärung heim. In der Zeit von Februar bis April sind diese Termine ausgebucht wie ein Skikurs in den Semesterferien - also frühzeitig anmelden.
Auch die Gewerkschaften und manche Gemeinden bieten Steuerhilfe-Tage an. Alles gratis, alles seriös. Was Sie nicht brauchen, sind kommerzielle Apps, die einen Prozentsatz Ihrer Rückzahlung nehmen. Das ist Geld für etwas, das Sie an einem Abend selbst schaffen.
Die fünf Jahre, die Ihnen niemand sagt
Sie können die Arbeitnehmerveranlagung für die letzten fünf Jahre nachholen. Fünf. Das heißt: Wenn Sie es noch nie gemacht haben, sitzen Sie unter Umständen auf einem vierstelligen Betrag.
Und wichtig für alle, die Angst vor einer Nachzahlung haben: Wenn Sie freiwillig eine Erklärung abgeben und dabei herauskommt, dass Sie nachzahlen müssten, können Sie den Antrag innerhalb der Rechtsmittelfrist zurückziehen. Der Bescheid wird dann aufgehoben. Diese Möglichkeit gilt nicht in jedem Fall, etwa nicht bei einer Pflichtveranlagung, aber für die typische Arbeitnehmerin mit einem Dienstverhältnis schon.
Das ist der Grund, warum das Argument „ich probiere es lieber nicht" fast immer falsch ist. Das Risiko ist deutlich kleiner, als die meisten annehmen, und die Chance deutlich größer.
Was FinanzOnline sonst noch kann
Meldebestätigungen, Steuerbescheide der letzten Jahre, Lohnzettel, die Ansuchen um Ratenzahlung, die Registrierung für den Klimabonus. Und die Möglichkeit, Bescheide anzufechten, wenn etwas nicht stimmt.
Wer selbstständig nebenbei etwas dazuverdient, gibt hier ebenfalls seine Erklärung ab. Und wer eine Wohnung vermietet oder Wertpapiere hat, findet die passenden Formulare gleich daneben.
Es ist nicht schön gemacht, das Ding. Die Oberfläche schaut aus wie 2009, und manche Bezeichnungen versteht man erst beim dritten Lesen. Aber es funktioniert, es kostet nichts, und es gehört zu den wenigen digitalen Behördendiensten, die tatsächlich Geld zurückbringen statt welches zu kosten.
Nehmen Sie sich an einem verregneten Sonntag im Februar zwei Stunden. Schuhschachtel mit den Rechnungen holen, Kaffee dazu, durchklicken. Im schlechtesten Fall haben Sie einen Nachmittag verloren. Im besten Fall zahlt Ihnen die Republik den Sommerurlaub.



