Es ist Donnerstag, der Muttertag ist am Sonntag, und in der Trafik am Eck hängt eine Kartonaufsteller-Wand voller Gutscheinkarten. Wellness, Restaurant, Parfümerie, Elektronikmarkt. Man greift zu, weil man nicht weiß, was man sonst schenken soll, und weil ein Gutschein immerhin nicht danebengreifen kann.
Der Haken: Er kann sehr wohl danebengreifen. Nur merkt man es später.
Die Zahl, die niemand gern hört
Ein erheblicher Teil aller geschenkten Gutscheine wird nie eingelöst. Die Schätzungen schwanken je nach Branche, aber im zweistelligen Prozentbereich liegt es allemal. Bei Erlebnisgutscheinen für Ballonfahrten, Wellnesstage oder Kochkurse ist die Quote besonders hoch.
Das ist kein Zufall. Diese Gutscheine sind so kalkuliert. Der Anbieter verkauft eine Leistung, die zu einem guten Teil nie erbracht wird, und das ist der eigentliche Ertrag.
Warum ein Erlebnisgutschein oft im Kasten liegen bleibt
Weil er Arbeit macht. Man muss auf einer Plattform einen Code eingeben, aus einer Liste von Partnerbetrieben einen aussuchen, dort anfragen, einen Termin finden, hinfahren.
Und weil die Betriebe, die man wirklich will, oft ausgebucht oder gar nicht dabei sind. Meine Mutter hat einen Wellnessgutschein bekommen, drei Betriebe im Umkreis von hundert Kilometern, alle drei mit Terminen frühestens in vier Monaten und nur unter der Woche. Der Gutschein ist verfallen. Rechtlich hätte sie ihn wahrscheinlich noch geltend machen können, praktisch hat sie irgendwann aufgehört, sich zu ärgern.
Was besser funktioniert
Der Gutschein eines konkreten Betriebs, den Sie beide kennen. Das Wirtshaus, in dem Sie ohnehin einmal im Jahr essen. Der Friseur ums Eck. Die Buchhandlung in der Stadt. Kein Zwischenhändler, kein Code, keine Plattform. Man geht hin und legt ihn auf den Tisch.
Und noch besser: der Gutschein mit Termin. Schreiben Sie nicht „einmal Essengehen", sondern „Samstag, 23. Mai, 18 Uhr, ich hole dich ab". Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist der Unterschied zwischen einer netten Idee und einem tatsächlich stattfindenden Abend.
Der selbstgemachte Gutschein und warum er kein Notnagel ist
Ich weiß, wie das klingt. Der handgeschriebene Gutschein hat den Ruf des Bastelprodukts aus der Volksschule, das man verschenkt, wenn das Geld fehlt.
Aber überlegen Sie kurz, was eine Mutter von erwachsenen Kindern tatsächlich seltener bekommt als Cremen und Blumen: einen ganzen Nachmittag. Einen Ausflug an den Neusiedler See mit Jause im Kofferraum. Jemanden, der die verstopfte Regenrinne repariert. Zwei Stunden, in denen jemand fragt, wie es ihr geht, und dann wirklich zuhört.
Das ist kein Ersatz. Das ist die bessere Version.
Der Gutschein für den, der schon alles hat
Bei älteren Eltern hört man oft den Satz „ich brauche nichts". Das stimmt meist sogar. Was aber fehlt, sind Dinge, die niemand von sich aus organisiert.
Ein Gutschein für eine gemeinsame Fahrt an einen Ort, an dem sie als junge Frau gewesen ist. Ein Nachmittag, an dem Sie zu zweit die alten Fotos beschriften, weil sonst in zwanzig Jahren niemand mehr weiß, wer die Leute darauf sind. Eine Fahrt zum Grab der eigenen Mutter, wenn es weit weg ist.
Das klingt schwerer, als es ist. In Wahrheit sind das die Nachmittage, von denen man später sagt, man sei froh gewesen, sie gemacht zu haben. Und sie kosten außer Sprit und Zeit nichts.
Wenn es doch ein gekaufter sein soll
- Betrag draufschreiben lassen, nicht eine Leistung. Ein Gutschein über achtzig Euro ist flexibler als „ein Drei-Gänge-Menü".
- Kaufbeleg aufheben und ein Foto vom Gutschein machen. Wenn er verloren geht, hilft das.
- Auf das Ablaufdatum schauen und dazusagen, dass in Österreich Gutscheine in der Regel deutlich länger gültig sind als aufgedruckt.
- Kleine, stabile Betriebe bevorzugen. Bei Insolvenz ist ein Gutschein fast nichts mehr wert.
- Und wenn Sie online kaufen: nicht am Muttertagswochenende selbst, da sind die Zustellungen überlastet.
Der Termin ist die eigentliche Währung
Was mir über die Jahre aufgefallen ist: Die Geschenke, an die sich Leute erinnern, haben fast nie mit dem Preis zu tun. Es ist der Nachmittag im Mai, an dem die Kastanien geblüht haben und man auf einer Bank gesessen ist. Es ist der Sonntag, an dem endlich einmal jemand anderer gekocht hat.
Ein Gutschein ist ein Versprechen. Und ein Versprechen ist nur so viel wert wie die Wahrscheinlichkeit, dass es eingelöst wird. Nehmen Sie also den Kalender heraus, bevor Sie den Kuvert zukleben. Das kostet nichts und macht aus einem Stück Papier einen echten Tag.



